Leben als Leiden
»Dies, ihr Mönche, ist die heilige Wahrheit vom Leiden: Geburt ist Leiden, Altern ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden. Trauer, Klage, Kummer, Schmerz, Trübsal, Verzweiflung - sie alle sind Leiden. Mit Unliebem vereint sein ist Leiden, von Liebem getrennt sein ist Leiden, nicht erlangen, was man begehrt, ist Leiden; kurz, die fünf Gruppen von Daseinsfaktoren, die das Anhaften an der Welt verursachen, sind leidvoll.«

An diese erste der Vier Edlen Wahrheiten, die Buddha in seiner Rede von Sarnath den Mönchen verkündete, schliesst die Erkenntnis an, dass letztlich alles Leben Leiden sei. Genau dies aber rief im Abendland wie auch in den lebensfroh eingestellten Ländern Südostasiens immer wieder Unverständnis und Ablehnung hervor. Wie kann etwas Leiden sein, das als Freude empfunden wird? Luxus, Gesundheit, Freundschaft, wo steckt in ihnen die Qual?

LogoDie Antwort des Buddhismus setzt mit zwei - vermeintlichen - Binsenwahrheiten ein. Die eine betrifft die Endlichkeit des Individuums in der Unendlichkeit der Zeit. Keine Mehrung materieller Güter, kein Arzt, kein Priester vermag etwas an dieser Vergänglichkeit zu ändern. So bleibt nur, vor dieser Wahrheit und vor dem Ende des Lebens die Augen zu verschliessen. Luxus, Medizin und Religion dienen dabei zum Trost und zur Selbsttäuschung.

Die zweite Grunderkenntnis betrifft die Substanzlosigkeit alles Existierenden: Ein Haus ist nicht mehr als eine Materie gewordene Idee, es lässt sich zerlegen in Baumaterialien, diese in Werkstoffe, die wiederum in organische Verbindungen und Elemente zerfallen, bis am Ende ein materielles Nichts bleibt, das weder vom Verstand noch von den Sinnen zu erfassen ist. Zugleich aber entfaltet dieses materielle Nichts in unbegreiflicher Endlosigkeit die vielgestaltigen Phänomene des Makrokosmos.

Wenn der Leidende seinem Leben vielleicht ein Ende wünscht, so vermag der - scheinbar - Glückliche das geheime Leid darin zu entdecken, dass seinem Glück nicht die Ewigkeit beschieden ist. Der Biographie Gautamas lässt sich entnehmen, dass ihm diese Einsicht in das Grundleid und die Vergänglichkeit schon in der Jugend die Freude am Luxus getrübt hat, während ihm die Askese dann einzig die Bestätigung der Vergänglichkeit lieferte. In späteren Jahren erinnerte er sich an seltene Augenblicke der Ruhe unter einem Baum, in denen sein Geist durch die Naturerfahrung vor der Bedrohung durch das Ende befreit schien. Die Erwachung unter dem Bo-Baum sollte die höchste Steigerung eben dieser Jugenderfahrung werden.

Die in der Rede von Sarnath benannten körperlichen und geistigen Leiden (s. o.) bedürfen keiner weiteren Erklärung, wenn man neben die direkte Leiderfahrung jene indirekte stellt, die aus der Verlustangst und schliesslich aus dem Verlust selbst resultiert. »Was aber leidhaft und vergänglich ist, davon kann man nicht sagen: Das bin ich, das gehört mir, das ist mein Selbst.« Dieser Schlug Buddhas widerspricht der Theorie der Brahmanen - und liegt auch fern der christlichen Vorstellung von einer Seele -, wonach dem Individuum etwas Unveränderliches innewohnt, das eine Seelenwanderung erlebt. Dabei bestreitet Buddha nicht grundsätzlich einen solchen Kreislauf und zweifelt ebenso wenig an kosmischen Gesetzen von Natur und Moral, deren Befolgen oder Nichtbefolgen die Art der Wiedergeburt bestimmen. Aber er entwickelt mit der Nicht Substantialität, dem Anatmahn, eine ungewöhnliche Deutung dieser Abläufe in der End- und Materielosigkeit der Materie. Ein recht anschauliches Lehrstück liefern uns heute die virtuellen Welten der Computer, die auf nichts anderes als Energieflug zurückgehen. Würde man sie auf menschliches Handeln programmieren und darüber hinaus auf ein Ich-Bekenntnis, so entstände hier eine Welt, deren Wirklichkeit nicht mehr abfragbar wäre, weil ein solches Bekenntnis Programm, aber auch innere (Schein-) Wahrheit sein kann.

Als unheilvolle wirksame Kräfte gelten in der buddhistischen Lehre jene »fünf Gruppen von Daseinsfaktoren, die das Anhaften an der Welt verursachen«. Es sind Täuschungen, von denen der Unwissende sich blenden lässt; Gebilde aus unpersönlichen, für sich nicht existenzfähigen Kräften, a die sich ihrerseits bei genauerer Betrachtung als »leidhaft und vergänglich« erweisen. Erst im Zusamrnenspiel erzeugen die Daseinsfaktoren das subjektive, auf Täuschungen beruhende Erleben des Individuums, mithin sein Empfinden, das Ich sei identisch mit jenen vergänglichen Prozessen, die sich als leidhaft erweisen.

Die buddhistische Wahrheit vom Leiden wird damit noch gesteigert, denn nicht nur ist das Dasein vergänglich und leidhaft, es ist auch substanzlos. Doch allein dadurch wird Erlösung möglich. Gäbe es nämlich etwas Unveränderliches, Festes, wäre dessen Auflösung gedanklich und faktisch nicht zu vollziehen. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang, dass Buddha keine Antwort auf die Unendlichkeit oder Endlichkeit von Raum und Zeit gegeben oder auch nur gesucht hat. Das höchste Leid besteht nämlich nach seiner Auffassung nicht in der menschlichen Ohnmacht vor kosmischen Rätseln, sondern darin, etwas nicht zu erlangen, was man zutiefst begehrt: das Ende der Wiedergeburten. Dieses grosse Ziel lässt sich weder durch Wünsche oder Gebete noch durch metaphysische Überlegungen herbeiführen, sondern verlangt zunächst einmal die Erkenntnis der Leidensursache.


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