Wie der Kopf eines Elefanten
Die Exotik existiert allein in unserem Kopf; es sind nur unsere Sehnsüchte, die die Tropen zu Träumen werden lassen. Alte Erkenntnisse, gewiss. Doch die Realität der Tropen macht alle Theorie grau: Sie übertrifft alle Klischees.
Thailand ist für uns oft Synonym für Exotik plus Erotik - Symbol unwiderstehlicher Anziehung einerseits oder schlimmstes Beispiel neokolonialer Ausbeutung andererseits. Alle Verlockungen des Ostens sind in Thailand zu finden, oft in moderner Form, und doch im Wesen unverändert, kaum berührt durch die fremden Einflüsse. Thailand ist ganz eigen, ein in sich ruhender Edelstein: in Sprache, in Schrift, in Religion, in Lebensart - trotz oberflächlicher «westlicher» Tünche.
Im Jahr 1998 hatten 7`780`000 Personen Thailand besucht, wissen Thailands Exotik zu schätzen, lassen hier ihre Sehnsüchte wahr werden: Sonne am Palmenstrand, GoGo-Girls mit «asiatischer Hingabe», Meditation unter Lotosblüten, Elefantenritte zu «halbwilden» Bergstämmen, Staunen vor Goldbuddhas oder Ferien auf einem Reisbauernhof - Thailand wird allen Erwartungen gerecht, bietet Ferne und doch nicht zuviel Fremde, kurz: genug Freiraum für alle Ferienträume.
Fast ein Wunder, dass das Land nicht zu einer perfekt funktionierenden Tourismus Maschinerie verkommen ist. Doch Thailand ist stark und unabhängig. Nicht umsonst bedeutet der Name «Land der Freien». Darin steckt mehr als nur die banale Feststellung, dass das Land nie Kolonie einer europäischen Macht war. Seine Lage in der Mitte zwischen Indien und China bedeutete seit jeher eine Auseinandersetzung mit fremden Einflüssen. Wie ein geneigter Baum oder wie der Kopf eines Elefanten liegt Thailand am Kreuzweg Südostasiens: Birma vor der Stirn des Elefanten, Laos und Kambodscha angelehnt am Hinterkopf und Malaysia an der Nasenspitze des langen Rüssels.
Thailand, 514000 Quadratkilometer gross - gut doppelt so gross wie die Bundesrepublik Deutschland, wird von über 63 Millionen Menschen bewohnt. Bangkok ist Verwaltungshauptstadt und zentralistische Metropole zugleich. Die Millionenstadt liegt im Mund des Elefanten, im weiten und fruchtbaren Schwemmland des Menam und Chao Phraya, der «Ehrwürdigen Mutter der Fluten».
Ein Stück flussabwärts riecht man schon das Chinesische Meer, das der «Rüssel» vom Indischen Ozean trennt, ein langer, grüner Höhenzug zwischen Buchten, Stränden und Inseln, grossen Urlaubsprospekt-Träumen und kleinen Robinson-Eilanden. Menam aufwärts bauen sich langsam die Fächer der nordthailändischen Gebirgszüge zum Himalaja hin auf, die Höhen bis fast 2600 Meter erreichen. Kaum bereist sind die Weiten des Karat-Plateaus, des Elefanten-Ohres. Der Mekong umfasst das steinige Hochland im Norden und Osten; im Süden bilden die Dang-Rek-Berge die Grenze zu Kambodscha. Trotz der Nachbarschaft zu diesen unruhigen Staaten ist Thailand ein sicheres Reiseland - ideal vor allem für «Asien-Anfänger»: Es bietet viel Exotik mit wenig Problemen.
Thailands Klima ist im ganzen Land tropisch, kennt jedoch nur im «Kopf» des Elefanten unterschiedliche Jahreszeiten: Regenzeit von Mai bis Oktober, Trockenzeit von November bis April. Nach Süden zu herrschen Monsune mit kurzer Trockenzeit (März/April) und häufigen Tropenregen im übrigen Jahr- an der malaysischen Grenze beginnt die Zone der Regenwälder mit Niederschlägen zu jeder Jahreszeit. - Gerade zur Regenzeit jedoch sei das Land am schönsten, behaupten manche Reisende. Dann sind nur wenige Fremde - Farang nennen sie die Thailänder - unterwegs, die Einheimischen konzentrieren sich auf Dorf und Familie, das Leben geht langsamer seinen Gang. Regenwände rauschen hernieder, trennen Städte und Dörfer voneinander, machen alle Menschen gleich nass und gleich hilflos gegenüber den Elementen: Dann sind die Tropen am überzeugendsten.

Bangkok: Goldbuddhas und «gefallene Engel»
Einstimmung mit gebremster Exotik: Wer in Bangkok landet, hat zunächst das Gefühl, in einer x-beliebigen asiatischen Grossstadt angekommen zu sein. Passkontrolle, Zoll, Geldwechsel, alles geht problemlos. Vor der Tür dann die Wahl: Bus, Taxi oder Limousine mit Stereo und Air condition. Gönnen Sie sich's ruhig. Der distanzierte Blick aus den getönten Scheiben tut den hässlichen Industrie- und Vorstadtbezirken nur gut ...
Entdecken muss man Bangkok anders: «landnah», ohne Klimaanlage, am besten im Tuk-Tuk, der dreirädrigen Motorrad-Rikscha, die genauso klingt wie ihr lautmalender Name - auf der der Passagier erhöht auf einer Bank, unterm Sonnendach, Aussicht, Verkehr und Abgase erleben kann. Schön ist Bangkok nicht aus dieser ersten Perspektive: graue, hohe Häuser mit turmhohen schreienden Plakatwänden voll Sex and Crime, überbordende Gehsteige, Verkehrschaos und wenig Grün. Nur selten blitzt die goldene Spitze eines Tempels über einer russigen Werkstatt auf, setzt ein Fruchtstand tropisch-bunte Akzente, setzen safrangelbe Mönchsroben Zeichen einer anderen Realität.
«Venedig des Ostens», «Stadt der Engel» - diese Etiketten wirken sinnlos und überholt. Denn Bangkok ist ganz anders: So könnte dieser Text weitergehen, um direkt ins Herz des Lesers zu treffen - und an der Seele der Stadt vorbei. Denn Bangkok ist alles: 10 Millionen-Metropole (Inoffiziell weit über 15 Millionen) samt Slums und Villenviertel, Geldbeutel und Novizenkloster für das «Land der Freien» - noch ein Etikett. Aber ohne Etiketten geht es nicht. Oft ist nicht einmal ein Grat zwischen Klischee und Wirklichkeit, zwischen Traum und Wahrheit. Es gibt Orte in Bangkok, wo diese eigenartige Magie der Exotik greifbar wird, wo der Besucher eintauchen kann in das alte Siam - oder in zeitlose Ewigkeit - und im nächsten Moment wieder an der Schwelle zum Jahr 2000 steht. An diesen Nahtstellen wird Bangkok zur Erfüllung der Phantasien, auch ohne mönchische Kontemplation, ohne das Opium des Goldenen Dreiecks oder die Magic mushrooms der südlichen Archipele.
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