Thailands Reformen auf dem Prüfstand
Bericht über die Wirtschaft Thailands aus der NZZ
Erstellt, 30. 12. 2000
Modernes Recht contra nationalistische Parolen
Das Drama um die Sanierung von Thai Petrochemical Industry (TPI), Thailands drittgrösstem Konzern, hat offiziell ein «definitives» Ende gefunden. Ob im Testfall für die wirtschaftsrechtlichen und strukturellen Reformen gegen den Widerstand aufgehetzter Nationalisten gesprochenes Recht durchgesetzt, ein Patron alter Schule abgesetzt und ein gigantischer Schuldenberg abgebaut werden kann, bleibt abzuwarten.
Bangkok, im Dezember
Erneut hat in den vergangenen Tagen in Bangkok das sich seit über drei Jahren hinziehende Drama um die Umstrukturierung der Thai Petrochemical Industry (TPI) offiziell ein «definitives» Ende gefunden. Gemessen am jährlichen Brutto-Betriebsertrag von 62 Mrd. Baht (rund 1,4 Mrd. $) ist die TPI das drittgrösste Unternehmenskonglomerat Thailands. Mit seit Ausbruch der «Asien-Krise» nicht einmal mehr mit Zinszahlungen bedienten Verpflichtungen, die sich auf gesamthaft 3,8 Mrd. $ belaufen, ist sie allerdings zugleich auch der grösste säumige Schuldner des Landes. Die Sanierung des Unternehmens und die Bewältigung des Schuldenbergs gelten für in- und ausländische Beobachter seit längerem als Testfall für die wirtschaftlichen Strukturreformen und den Umgang Thailands mit den Folgen der Krise insgesamt. Namentlich in den letzten paar Wochen hat das Hin und Her im Machtkampf um den Konzern den Wert der Landeswährung und die Entwicklung des Indexes der Bangkoker Börse SET negativ mitbeeinflusst. Deshalb erstaunt es nicht weiter, dass jetzt der Zentrale Konkursgerichtshof und der Oberste Gerichtshof Thailands eine Lösung gebilligt haben, welche auf die Entmachtung des bisherigen obersten Konzernchefs, Prachai Leophairatana, hinausläuft. Allerdings ist noch ungewiss, ob diese Lösung gegen den Willen Prachais und eines Teiles der von ihm aufgehetzten TPI-Arbeiterschaft auch durchgesetzt werden kann.
Aufstieg und Niedergang einer Dynastie
Prachai, Kopf einer von insgesamt 21 reichen traditionellen thailändischen Unternehmerdynastien, hat aus der TPI im Verlauf einer Generation den grössten und zudem sogenannt vor- und rückwärts integrierten petrochemischen Konzern Südostasiens gemacht. Wie viele Firmen in den südostasiatischen Tiger-Staaten nahm TPI während des Booms der frühen neunziger Jahre fleissig ausländische Hartwährungskredite mit kurzen Laufzeiten auf, um den weiteren Ausbau des Konzerns und schliesslich auch die Expansion in zahlreiche an sich unternehmensfremde Bereiche - Kraftwerke, Zement- und Stahlproduktion, Immobilienspekulation und gar Versicherungswesen - zu finanzieren. Im Juni 1997 musste bekanntlich die Landeswährung, der Baht, gefloatet werden, nachdem die Zentralbank und die damalige Regierung zuvor seiner Verteidigung praktisch die gesamten Devisenreserven geopfert hatten. Als der Baht daraufhin gegenüber dem US-Dollar 50% an Wert einbüsste, waren die Folgen für die vorwiegend Baht - Einkünfte ausweisende TPI dramatisch: Der Konzern konnte die Schulden nicht mehr bedienen und stellte sämtliche Zins- und Amortisationszahlungen ein. Nach diesem einseitig erklärten Schuldenmoratorium lieferte Prachai den aus 40 verschiedenen Ländern stammenden 147 Gläubiger-Institutionen vorerst einen zweieinhalbjährigen heftigen Kampf, um einen möglichst grossen Erlass der in acht verschiedenen Währungen aufgelaufenen Schulden sowie möglichst günstige Zahlungsbedingungen herauszuholen. Vor allem aber ging es ihm um seine als Oberhaupt der Familie der Mehrheitsaktionäre bisher uneingeschränkte Machtstellung im Konzern. Zu mehreren aussergerichtlichen Einigungen, gemäss denen Prachai sogar Konzernchef geblieben wäre, zog er die Zustimmung jeweils zurück, noch bevor die Unterschriften auf den entsprechenden Dokumenten richtig trocken waren, weil er glaubte, materiell für selbst noch vorteilhaftere Bedingungen herausschinden zu können. Doch im vergangenen Februar platzte den Gläubigern der Kragen; unter Berufung auf das im September 1999 zum dritten Mal innert dreier Jahre verschärfte Konkursrecht klagten sie ihre Ansprüche beim ebenfalls im Herbst 1999 ins Amt eingesetzten ersten Konkursgerichtshof des Landes ein. Prachai liess sich vor Gericht von einer Heerschar von Anwälten vertreten und startete aussergerichtlich eine Medienkampagne, in der er an den seit der 97er Krise in Thailand mehr als nur latenten nationalistischen Hass auf IMF und ausländische Banken appellierte und behauptete, mit dem Gerichtsverfahren werde der «Ausverkauf der Heimat» eingeleitet. Zwar liest sich die Liste der Gläubigerbanken - neben der Citibank und der Bank of America gehört beispielsweise auch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) dazu - teilweise tatsächlich wie ein Who is who der internationalen Finanzwelt. Allerdings ändert dies nichts am Umstand, dass die Bangkok Bank, eine der drei grössten einheimischen Geschäftsbanken, mit einem Guthaben von rund 400 $ der mit Abstand grösste Einzelgläubiger von TPI ist. So nützten denn auch Prachais Manöver nichts; das Gericht erklärte TPI für insolvent und verfügte mit dem Ziel der Restrukturierung von Konzern und Schulden die Zwangsverwaltung unter Federführung von «Effective Planer», der Tochterfirma einer australischen Buchprüfungsgesellschaft. Allerdings gestatteten Gläubiger und Gericht Prachai die Einsitznahme in der Zwangsverwaltungs-Kommission.
Aufgehetzte Arbeiter gegen Gläubiger
Bis Mitte Herbst hatte die Effective Planer unter Anthony Norman ihren Sanierungsplan fertig ausgearbeitet. Danach soll der Schuldenberg von 3,8 Mrd. $ zum einen durch die Umwandlung von 800 Mio. $ von Gläubigerguthaben in einen 75%-Anteil am Aktienkapital von TPI abgebaut werden, wodurch allerdings automatisch der bisherige, von Prachai und seiner Familie gehaltene Mehrheitsanteil von 60% in einen Minderheitsanteil von 15% reduziert würde. Weitere 1,2 Mrd. $ sollen in den nächsten vier Jahren aus dem Umlaufkapital sowie durch den Verkauf einiger Konzernteile beigebracht werden, die nichts mit dem petrochemischen Kerngeschäft zu tun haben. Der verbleibende Rest von 1,8 Mrd.$ soll refinanziert und nach Ablauf der vierjährigen eigentlichen Sanierungsphase abgetragen werden. Als der Sanierungsplan Ende November in Bangkok einer Gläubigerversammlung zur Billigung vorgelegt werden sollte, scheiterte das Vorhaben mehrmals: Prachai und ihm weiterhin treu ergebene leitende Mitarbeiter, deren Entmachtung zusehends näher zu rücken schien, hatten mehrere tausend TPI-Arbeiter, die zuvor mit nationalistischen Parolen und Gerüchten über eine bevorstehende Massenentlassung aufgehetzt worden waren, mit Firmenbussen nach Bangkok transportiert. Als die Vertreter der Gläubigerbanken das Versammlungslokal betreten wollten, wurden sie an zwei aufeinander folgenden Tagen von den Arbeitern mit Flaschen und Fusstritten empfangen. Erst im dritten Anlauf kam die Versammlung zustande - in einem Justizgebäude, in dem sich die Bankenvertreter sicherheitshalber zur gut beschützten Übernachtung schon am Vorabend des Anlasses einzufinden hatten.
Prachai kämpft bis zum Letzten
Wer aber glaubte, Prachai würde den Widerstand gegen seine Entmachtung aufgeben, nachdem die Gläubigerversammlung den Sanierungsplan mit einer Mehrheit von 96% der Stimmen gutgeheissen hatte, der sah sich getäuscht. Als der Konkursgerichtshof in der zweiten Dezemberwoche zur formalen Bestätigung des Planes schreiten wollte, reichte er erst eine lange Liste von Abänderungsanträgen ein und stellte nach deren Ablehnung einen Befangenheitsantrag gegen sämtliche Richter des Konkurstribunals. Offensichtlich spekulierte Prachai damit, dass der nun nötig gewordene Entscheid des Obersten Gerichtshofes erst nach den Wahlen im kommenden Januar gefällt würde, welche möglicherweise eine in Sachen Wirtschaftsstruktur weniger reformfreudige Regierung an die Macht bringen werden. Doch die Rechnung des nun manchmal doch etwas verzweifelt wirkenden TPI-Patriarchen ging nicht auf: Aus Besorgnis über allfällige Auswirkungen des schon so lange andauernden Dramas auf die gesamte thailändische Volkswirtschaft setzte das Oberste Gericht in ungewohnter Reaktionsfreudigkeit nur Tage später eine ausserordentliche Sitzung an und lehnte Prachais Anträge nach einer nur wenige Minuten dauernden Debatte ab. Noch gleichentags traten auch die Konkursrichter erneut zusammen und verliehen dem Sanierungsplan Rechtskraft. Prachai kann zwar gegen diesen Entscheid erneut beim Obersten Gerichtshof appellieren, doch hat ein solcher Appell keine aufschiebende Wirkung mehr. Rein theoretisch könnte der Stab von Effective Planner «ab sofort» im Auftrag der Gläubiger die Umstrukturierung von TPI an die Hand nehmen und wohl als erste Massnahme endlich den zum Störfaktor gewordenen Prachai aus dem Management entfernen. Praktisch werden die Sanierer sehr behutsam zu Werke gehen müssen, denn für die meisten Beobachter war es ein bedrohliches Omen, dass der bisherige TPI-Patron nach verlorener Schlacht vor Gericht sagen konnte, falls die Arbeiterschaft die Restrukturierung «handfest» zu verhindern suche, sei das nicht seine Schuld, denn leider könne er auf diese keinen Einfluss mehr ausüben. Möglicherweise stehen Gläubigern, Zwangsverwaltern und den 16 000 Lohnabhängigen von TPI heftige Arbeitskämpfe bevor.
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