Diese Zeilen über Unbeschreiblich Weiblich sind aus einem Geo-Magazin. Doch kann ich Nummer und Jahrgang nicht mehr sagen, da dieses Magazin nicht mehr in meinem Besitz ist!


Unbeschreiblich weiblich

"Ladyboys" sind die schrillen Feen der Bangkoker Nächte. Wie man Männer täuscht, verstehen sie gut. Schliesslich waren sie selber mal welche.

Ein Text von Carmen Butta

Wenn der Tag endet, kommen sie aus ihren Verschlägen hervor. Mit weiss gepuderten Gesichtern, mit baumelnden Täschchen. Auf hohen Hacken, unsicher noch, tasten sie sich durch die Treppenhäuser ins Freie, blinzeln in die Scheinwerfer der Autos. Schmale Silhouetten, die gegen den Strom laufen, zum Zentrum der Stadt, dem gerade alle entfliehen. Wesen des Zwielichts: nicht Mann noch Frau, sondern beides, durch Hormone zu Hermaphroditen gewandelt, Ladyboys.

Ihre häufig wechselnden Namen haben sie selbst erfunden, es sind Märchennamen, so wie auch ihre Existenz etwas Unwirkliches hat. Phak Bung etwa, "Wasserkresse", deren Figur wie die Pflanze zu wuchern scheint; oder Khai Muk, "Austernperle", mit ihrem von runden Narben übersäten Gesicht. Im Halbdunkel der Peripherie trippeln die beiden mit ihren Freundinnen Pong und Haeng, "Massig" und "Trockendürr", an Pfützen und eingeklappten Marktständen vorbei, eilen murrend zum Bus. Wieder einmal hatte die ewig trällernde Wasserkresse die Zeit vergessen, als sie sich nach langem Schlaf verräterische Härchen von Kinn und Wangen zupfte.

Nachtblüten in Bangkok

Patpong. Die vier springen aus dem Bus. Wie ein leuchtendes, zuckendes Dickicht aus Buchstaben, geschwungenen Linien, Pfeilen, Sternen, Herzen und Kronen liegt das grösste Rotlichtviertel Bangkoks vor ihnen. Aus Hunderten von Lautsprechern überkreuzt sich das Gehämmer und Gekreische von Dutzenden Popsongs. "Superqueens", "Superboys", "Supercrazy", "Superpussy"... Mit wiegenden Hüften schlendert das Quartett an den Etablissements vorbei und strebt zum Auftakt der Nacht ans Ende einer Sackgasse: zu "Icon The Club", dem Tempel der Ladyboys. Durch keine Öffnung kann das Tageslicht in die von Weihrauchschwaden und Lotosduft getränkte Luft dringen. Vergoldete Bambusstäbe strecken sich wie Orgelpfeifen vor geteerten Wänden. Säulen mit gewundenen Kapitellen stützen die Spiegeldecke.

Dumpfes Trommeln. Hörner. Die Menge starrt auf den kardinalsroten Vorhang, der noch die Bühne verbirgt. Wasserkresse versucht, sich gross zu machen, drängt Austernperle rüde zur Seite. Dann erscheint SIE. Ein Lendenschurz aus Silberbrokat windet sich um ihre Taille. Das kupferne Haar fliesst schimmernd über ihre Schulter. Nong Tum strahlt im Scheinwerferlicht über dem Publikum. 50 Männer hat sie, der sagenhafte Champion im Thai-Kickboxen, durch K.o. aufs Kreuz gelegt, und die Schönsten von ihnen nahm sie anschliessend zärtlich in die Arme, küsste sie mit geschminkten Lippen wieder zu Bewusstsein. Huldvoll lächelt Nong Tum, die Ikone der Kathoey: schöner als viele Frauen, stärker als die meisten Männer.

Es regnete an jenem Tag, als "Schwan" in Bangkok ankam. Die Strassen wurden zu reissenden Flüssen, und die weissen Pumps, die sie sich für das Leben in der Grossstadt gekauft hatte, lösten sich auf wie Papier. Es waren die teuersten Schuhe auf dem Markt in ihrem Dorf im fernen Nordosten gewesen, wo sie als Sohn zur Welt gekommen war. Die anderen Jungen spielten damals mit selbst gebastelten Bällen aus Bambus, doch Schwan mochte dieses raue Toben nicht. Er sang lieber, half beim Kochen, hielt gern Babys auf dem Schoss. Und eines Morgens, mit 15, malte er sich die Lippen rot. Lange taten seine Eltern so, als hätten sie nichts gesehen. Erst als die Geschwister immer unverhohlener kicherten, fand die Mutter Worte: "Du wirst es schwer haben". Leise jammerte sie um "den verlorenen Sohn", doch mit der Zeit fügte sie sich. Fern der westlichen Idee von Toleranz, buddhistisch ergeben und pragmatisch, wusste sie, dass jeder Zwang sich als nutzlos erweisen würde. Und sie fragte sich, was ihr Kind wohl in einem früheren Leben angestellt haben mochte, dass es jetzt weder Mann noch Frau sein konnte. Doch Grossmutter beschwichtigte. War es nicht seit Urzeiten so, dass Kathoey als Wesen, die nicht ganz von dieser Welt sind, ein geheimes Wissen haben und einst sogar als Medium befragt wurden; dass sie so wunderbare Schauspiele in wandernden Theatertruppen aufführten; dass sie im Dorf für Harmonie sorgten? Von diesen sao praphet sorng, dieser "zweiter Art von Frau", konnten unverheiratete Jungen und stürmische Ehemänner Genuss erfahren, ohne sich unschicklich eine Geliebte zu halten oder gar ein Mädchen zu schwängern.

Romantisierung und grelle Wirklichkeit

Schwan aber wollte Gespielin sein für nur einen einzigen Mann und zog mit 19, verliebt, zu Saeng, dem Lastwagenfahrer. Sie kochte, wusch, nähte für ihn und verkaufte nebenbei Hühner, bis sie nach zwei Inthronisierungen als Schönheitskönigin der Provinz mehr vom Leben verlangte - eine Bühne, ein Kathoey-Kabarett, die Grossstadt.

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